Du bist verliebt. Nach der Trennung, nach all den anstrengenden Monaten ist da wieder ein Mensch, der Dein Herz höherschlagen lässt. Und während ein Teil von Dir im siebten Himmel schwebt, meldet sich ein anderer Teil mit sehr irdischen Fragen: Wann erzähle ich es den Kindern? Wann kann ich den neuen Partner den Kindern vorstellen, wann die neue Partnerin? Und wie mache ich es richtig?

Vielleicht beruhigt Dich das vorweg: Diese Fragen stellen sich fast alle Mütter und Väter, die nach einer Trennung neu lieben. Stieffamilien gehören in Deutschland längst zum Alltag, das zeigen unter anderem die Untersuchungen des Deutschen Jugendinstituts. Jede Patchworkfamilie beginnt mit genau diesem Moment: Zwei Menschen verlieben sich, und Kinder sind schon da. Für das Kennenlernen gibt es Antworten, die sich in vielen Familien bewährt haben. Sie beginnen an einer Stelle, an die viele zuerst gar nicht denken: bei Dir und Deinen Gefühlen.

Miriam, 38, ist seit zwei Jahren getrennt. Ihre Kinder Emma (9) und Jonas (6) leben die meiste Zeit bei ihr. Seit ein paar Monaten gibt es Thomas. Miriam telefoniert abends leise im Schlafzimmer, lächelt beim Frühstück in ihr Handy und bittet ihre Mutter öfter als sonst, auf die Kinder aufzupassen. Neulich fragte Emma beim Zähneputzen: „Mama, warum bist du eigentlich immer so fröhlich, wenn du weggehst?“ Miriam blieb die Antwort schuldig …

Kinder können Übergänge gut aushalten

Kinder haben feine Antennen. Sie spüren, wenn sich bei Mama oder Papa etwas verändert, meist lange bevor die Erwachsenen etwas erzählen. Ehrlichkeit gibt ihnen deshalb mehr Sicherheit als jede noch so gut gemeinte Heimlichkeit. Du darfst Deinen Kindern sagen, dass Du verliebt bist, auch dann, wenn sie die Person noch gar nicht kennen.

Das überrascht viele Eltern. Dahinter steht eine Erfahrung, die sich in der Beratung immer wieder bestätigt: Kinder können mit Übergängen gut umgehen, wenn sie darauf vertrauen dürfen, dass die Erwachsenen gut für sich sorgen. Dafür brauchen sie zwei Botschaften. Die erste: „Ja, ich bin verliebt. Und ich erzähle dir gerne von meiner neuen Liebe, wenn ich mir etwas sicherer bin.“ Die zweite: „Und ich pass gut auf mich und uns auf!“

Mit diesen beiden Sätzen schenkst Du Deinem Kind etwas sehr Wertvolles: Es darf Deine Gefühlsregungen miterleben, Deine gute Laune, Deine kleine Verträumtheit am Frühstückstisch, und es trägt dabei keine Verantwortung. Du bleibst die erwachsene Person, die sich um ihr eigenes Glück kümmert. Das Gleiche gilt übrigens für schwere Zeiten: Auch ein ehrliches „Ja, mir geht es gerade nicht gut, und ich sorge dafür, dass es besser wird“ können Kinder gut aushalten. Sie brauchen dafür vor allem das Vertrauen, dass Du für Dich sorgst.

So wird die Zeit des Frisch-Verliebtseins zu einer Zeit, in der Dein Kind etwas Wichtiges lernt: Mama oder Papa geht es gut, und ich darf einfach Kind sein. „Geht’s mir gut, geht’s allen gut!“, dieser Leitsatz von Katharina Grünewald bringt es auf den Punkt.

Die Stabilität des Paares entscheidet

Wann also ist der richtige Zeitpunkt für das Kennenlernen? Die Antwort liegt bei Euch als Paar: Der Zeitpunkt ist gekommen, wenn Ihr sicher seid, dass Eure Beziehung eine gemeinsame Zukunft hat. Manche Paare wissen das nach wenigen Monaten, andere brauchen länger. Beides ist in Ordnung. Es gibt kein Richtig und kein Falsch, es gibt nur Euer gemeinsames Gefühl von Sicherheit.

Warum diese Sicherheit so wichtig ist? Kinder verarbeiten jedes Kennenlernen innerlich mit. Jede neue Person, die in ihr Leben tritt, weckt Fragen und Gefühle: Wer ist das? Was bedeutet das für mich? Gehört sie jetzt zu uns? Wenn Ihr als Paar zuerst in Ruhe herausfindet, was Ihr füreinander seid, erspart Ihr Euren Kindern diese innere Arbeit für Begegnungen, die vielleicht folgenlos geblieben wären.

Die Verliebtheit selbst darf in dieser Zeit ihren vollen Platz haben. Genießt Eure Stunden zu zweit, tankt Liebesenergie, lernt Euch in Ruhe kennen: Eure Geschichten, Eure Alltagsgewohnheiten, Eure Vorstellungen vom Familienleben. Diese ungestörte Paarzeit ist eine Investition in alles, was danach kommt, denn ein stabiles Paar ist das Fundament jeder Patchworkfamilie. Wie aus frisch Verliebten ein tragfähiges Baumeisterpaar wird, beschreibt Katharina Grünewald in ihrem Buch „Glückliche Patchworkpaare“ und im GEO-Interview über die Patchwork-Liebe.

Den neuen Partner oder die neue Partnerin vorstellen: So bekommt Dein Kind einen sicheren Platz

Vater erzählt seiner Tochter am Küchentisch in ruhiger Atmosphäre von seinen Gefühlen

Kinder sind Traditionalisten. Sie hängen an ihrer vertrauten Familie, an ihren Ritualen und an der Gewissheit, dass Mama oder Papa für sie da ist. Viele Kinder tragen außerdem lange den stillen Wunsch mit sich, die Eltern könnten wieder zusammenfinden. Eine neue Person an Mamas oder Papas Seite berührt diesen Wunsch. Genau deshalb brauchen Kinder beim Kennenlernen vor allem eines: einen sicheren Platz.

Die Verantwortung für diese Platzanweisung liegt bei Dir als leiblichem Elternteil. Du gehörst zu beiden Einheiten: zur alten Familieneinheit und zur neuen Liebespaareinheit. Katharina Grünewald nennt das die Scharnierfunktion: Du verbindest beide Seiten miteinander, und Du bleibst dabei sichtbar die wichtigste Bezugsperson Deiner Kinder. Konkret heißt das: Du kündigst das Treffen an, erzählst, wer da kommt, und darfst auch ruhig zugeben, wie aufgeregt Du bist.

Der sichere Platz lässt sich sogar einüben, wie eine kleine Choreographie: „Wenn Thomas kommt, bist du an meiner einen Hand und du an der anderen. Wir machen die Tür zusammen auf. Und dann, meine Große, wechselst du an die Seite deines Bruders, und ich habe eine Hand frei, um meinen Liebsten zu begrüßen.“ Was nach einem Kinderspiel klingt, hat eine große Wirkung: Weil Dein Kind die Choreographie kennt, wird die Situation berechenbar. Es weiß, was auf es zukommt, und begegnet der neuen Person aus einer sicheren Position heraus. Gefallen muss ihm das alles übrigens nicht. Dein Kind darf das Treffen aufregend finden, seltsam oder auch „voll blöd“. Seinen sicheren Platz hat es trotzdem.

Was Du rund um das erste Treffen tun kannst

  • Erzähle Deinem Kind in Deinen Worten von Deinen Gefühlen, passend zum Alter. Zwei, drei Sätze reichen oft schon.
  • Kündige das Kennenlernen an: Wer kommt, wann, und was macht Ihr zusammen?
  • Übt den Ablauf vorher gemeinsam ein: Wer geht an welcher Hand? Wer öffnet die Tür? Kinder lieben es, ihren Platz zu kennen.
  • Lass die vertrauten Rituale des Tages weiterlaufen, vom Frühstück bis zur Gutenachtgeschichte.
  • Frag Dein Kind hinterher, wie es ihm ergangen ist, und lass alle Gefühle gelten. Auch gemischte.

Das Tempo richtet sich nach der Beziehungsentwicklung in der Familie

Erstes Kennenlernen: Mutter, Kinder und neuer Partner essen gemeinsam ein Eis im Freien

Nach dem ersten Treffen beginnt, was Katharina Grünewald die Phase des Schnupperns und Kennenlernens nennt. Alle tasten sich aneinander heran: die Kinder an die neue Person, die neue Person an die Kinder, und Du an Deine Rolle in der Mitte. Wie schnell aus einzelnen Nachmittagen gemeinsame Wochenenden werden und wann vielleicht das Zusammenziehen ansteht, richtet sich nach der Beziehungsentwicklung in der ganzen Familie.

Dazu gehören die Kinder: Fühlen sie sich sicher? Dürfen sie ihr Tempo bestimmen? Dazu gehört die neue Partnerin oder der neue Partner: Findet sie oder er einen guten eigenen Platz, ohne sich verbiegen zu müssen? Und dazu gehört der andere leibliche Elternteil. Kinder brauchen die innere Erlaubnis von Mama und Papa, die neue Person mögen zu dürfen. Wenn die Ex-Partnerin oder der Ex-Partner dem Kind signalisiert „Du darfst dich dort wohlfühlen“, entspannt sich vieles. Wie ein guter Umgang mit der alten Familie gelingen kann, liest Du im Artikel „Eifersucht auf die Ex: Wenn die alte Familie des Partners Platz braucht“.

Zurückhaltung, Bockigkeit, plötzliche Anhänglichkeit: All das sind normale Reaktionen in dieser Phase. Meist steckt Loyalität zur Mutter oder zum Vater dahinter. Dein Kind schützt damit eine Beziehung, die ihm wichtig ist, und das ist eine Fähigkeit, keine Störung. Schrittweise und ohne Druck kann so sichergestellt werden, dass aus der anfänglichen Bereicherung keine Bedrohung wird und das Miteinander nicht in Konkurrenz kippt.

Typische Stolpersteine, und was dahintersteckt

„Wir alle für immer zusammen.“ Verliebte träumen gern von der großen, fröhlichen Runde am Esstisch, am liebsten sofort. Der Wunsch ist verständlich und zutiefst menschlich. Patchworkfamilien wachsen allerdings in Jahren zusammen. Dabei kommt es auf die einzelnen Beziehungspaare an: Du und Dein Kind, Dein Kind und die neue Person, Ihr beide als Liebespaar. Jedes einzelne Beziehungspaar braucht genügend Raum, um sich in seinem eigenen Tempo zu entwickeln. Wie viele solcher Beziehungspaare in einer Patchworkfamilie stecken und wie sie zusammenspielen, zeigt anschaulich das Patchwork-Karussell von Katharina Grünewald.

Das Kind soll mitentscheiden. Manche Eltern fragen ihr Kind, ob die neue Person bleiben darf. Diese Frage überfordert Kinder, denn sie überträgt ihnen Verantwortung für das Glück der Erwachsenen. Die Entscheidung für Deine Beziehung liegt bei Dir. Dein Kind darf alle Gefühle dazu haben, und es darf sich darauf verlassen, dass Du gut für Dich und für die Familie sorgst. „Das, was Kinder sich wünschen, ist nicht immer das, was sie auch brauchen!“, sagt Katharina Grünewald dazu.

Widerstand als Scheitern deuten. Wenn ein Kind beim zweiten Treffen fremdelt oder plötzlich wieder Abstand braucht, ziehen manche Erwachsene erschrocken Bilanz. Dabei gilt in der Beratung ein anderer Satz: Widerstände sind Gold wert. Sie zeigen, wo ein Kind noch Sicherheit braucht. Wer sie ernst nimmt und freundlich beantwortet, gewinnt Vertrauen. Und wenn später aus dem Kennenlernen Alltag wird, tauchen neue Fragen auf, etwa die nach Regeln und Zuständigkeiten. Dann lohnt sich ein Blick in den Artikel „Wer darf erziehen? Grenzen setzen als Stiefmutter oder Stiefvater“.

Vertraut auf Eure Liebe

Der richtige Zeitpunkt für das Vorstellen ergibt sich aus einer Reihenfolge, und die darfst Du in Ruhe gehen. Zuerst darfst Du verliebt sein und Deinen Kindern ehrlich davon erzählen. Dann wächst Eure Beziehung, bis Ihr als Paar sicher seid, dass Ihr eine gemeinsame Zukunft wollt. Beim Kennenlernen bekommt Dein Kind einen sicheren Platz an Deiner Hand. Und danach bestimmt die ganze Familie das Tempo, jede und jeder mit den eigenen Gefühlen.

Du musst dabei nichts perfekt machen. Kinder brauchen keine fehlerfreien Eltern, sie brauchen Eltern, die für sich sorgen und ehrlich bleiben. Alles andere darf sich entwickeln, Schritt für Schritt.

Bei Miriam war es übrigens ein Dienstagnachmittag. Drei Wochen nachdem sie Emma und Jonas von Thomas erzählt hatte, stand er zum ersten Mal vor der Tür. Emma hielt Miriams rechte Hand, Jonas die linke, so wie sie es geübt hatten. Beim Eis danach erzählte Jonas von seinem Fußballtraining, Thomas hörte zu. Emma blieb still und beobachtete. Und das durfte sie auch …

Häufige Fragen (FAQ)

Wie lange sollte ich nach der Trennung warten, bis meine Kinder den neuen Partner oder die neue Partnerin kennenlernen?

Dafür gibt es keine feste Frist. Entscheidend ist die Stabilität der neuen Beziehung: Das Kennenlernen hat Zeit, bis Ihr als Paar sicher seid, dass Ihr eine gemeinsame Zukunft wollt. Kinder verarbeiten jedes Kennenlernen innerlich mit. Deshalb lohnt es sich, die Verliebtheit zunächst zu zweit zu genießen und den Kindern ehrlich zu sagen, dass es jemanden gibt.

Soll ich meinem Kind sagen, dass ich verliebt bin, bevor es die Person kennenlernt?

Ja. Kinder spüren Veränderungen sehr genau, und Ehrlichkeit gibt ihnen Sicherheit. Zwei Botschaften helfen: „Ja, ich bin verliebt. Und ich erzähle dir gerne von meiner neuen Liebe, wenn ich mir etwas sicherer bin.“ Und: „Ich pass gut auf mich und uns auf!“ So darf Dein Kind Deine Gefühle miterleben und trägt dabei keine Verantwortung.

Wie gebe ich meinem Kind beim ersten Treffen Sicherheit?

Kinder brauchen einen sicheren Platz, und den vergibst Du als leiblicher Elternteil. Kündige das Treffen an, erzähle, wer kommt, und übt den Ablauf vorher gemeinsam ein: wer an welcher Hand geht, wer die Tür öffnet. Vertraute Rituale wie die Gutenachtgeschichte dürfen an diesem Tag ganz normal weiterlaufen. Sie sind der Sicherheitsanker Deines Kindes.

Was kann ich tun, wenn mein Kind den neuen Partner oder die neue Partnerin ablehnt?

Ablehnung ist in der Anfangszeit eine normale Reaktion und meist Ausdruck von Loyalität zur Mutter oder zum Vater. Dein Kind schützt damit eine Beziehung, die ihm wichtig ist. Es hilft, die Gefühle gelten zu lassen, Druck herauszunehmen und dem Kind Zeit zu geben. Bleibt die Ablehnung über lange Zeit sehr stark, kann eine Beratung helfen, die Dynamik dahinter zu verstehen.

Welche Rolle spielt mein Ex-Partner oder meine Ex-Partnerin beim Kennenlernen?

Eine größere, als viele denken: Kinder brauchen die innere Erlaubnis beider Eltern, die neue Person mögen zu dürfen. Es entlastet Kinder sehr, wenn der andere Elternteil ihnen signalisiert: „Du darfst dich dort wohlfühlen.“ Ein ruhiges, sachliches Miteinander der Erwachsenen ist dafür die beste Grundlage.

Wann ist der richtige Zeitpunkt zum Zusammenziehen?

Das Tempo richtet sich nach der Beziehungsentwicklung in der ganzen Familie: Wie geht es den Kindern, wie der neuen Partnerin oder dem neuen Partner, und wie steht der andere Elternteil dazu? Wächst die gemeinsame Zeit schrittweise und ohne Druck, zeigt sich meist von selbst, wann der nächste Schritt für alle stimmig ist.