Eine Beerdigung. In der ersten Reihe sitzt die neue Liebste des verstorbenen Mannes. Neben ihr ihre Kinder, seine Stiefkinder. Auch seine Exfrau ist gekommen. Sie war mehr als 20 Jahre mit ihm verheiratet, hat einen großen Teil ihres Lebens mit ihm verbracht und fühlte sich ihm trotz der Trennung noch sehr verbunden.

Und es fällt auf, wer fehlt. Seine leiblichen Kinder sind nicht gekommen. Sie sind enttäuscht, weil sie im Testament nicht so berücksichtigt wurden, wie sie es erwartet hatten. Auch die leeren Plätze erzählen etwas über die Beziehungen in dieser Familie.

An diesem Tag kommen ganz unterschiedliche Geschichten zusammen. Die neue Liebste hat seine letzten Lebensjahre mit ihm geteilt. Seine Stiefkinder haben mit ihm einen Familienalltag erlebt. Die Exfrau erinnert sich an die gemeinsame Liebe, die Geburt der Kinder und vieles, was zu ihrem Leben als Paar gehörte. Und auch die Kinder, die fernbleiben, haben mit seinem Tod ihren Vater verloren. Ihre Enttäuschung gehört jetzt zu ihrem Abschied dazu.

Jeder dieser Menschen hat eine eigene Geschichte mit dem Verstorbenen. Und jeder kann um diese Beziehung trauern.

Jede Trauer braucht ihren Platz

Jeder Mensch, der eine eigene Geschichte mit dem Verstorbenen hat, braucht mit seiner Trauer einen selbstverständlichen Platz. In vielen Familien und auch gesellschaftlich ist diese Zugehörigkeit noch nicht selbstverständlich.

Eine Exfrau hört vielleicht: „Ihr wart doch längst getrennt.“ Ein Stiefkind erlebt, dass vor allem die leiblichen Kinder als Trauernde wahrgenommen werden. Und die neue Liebste muss sich womöglich erst ihren Platz neben den Menschen suchen, die den Verstorbenen viel länger kannten als sie.

Wer einen Menschen verliert, braucht Mitgefühl und Menschen, die zuhören. Wenn die eigene Beziehung dabei infrage gestellt oder übersehen wird, kommt zum Verlust ein weiterer Schmerz hinzu.

In der Trauerforschung gibt es dafür den Begriff disenfranchised grief: Trauer, die gesellschaftlich oder im persönlichen Umfeld nicht ausreichend anerkannt wird.

Dabei trauern Menschen um gemeinsam verbrachte Jahre, um vertraute Berührungen, um einen Platz am Frühstückstisch. Sie trauern vielleicht auch um das, was schwierig geblieben ist. Um eine Aussprache, die nun nicht mehr stattfinden kann. Oder um die Hoffnung, irgendwann doch noch zueinanderzufinden.

Eine Trennung beendet die gemeinsame Geschichte nicht. Auch nach Jahren ohne Kontakt kann der Tod eines Menschen viel in Bewegung bringen. Und eine Stiefbeziehung kann eine tiefe Verbindung gewesen sein, die im Familiengefüge kaum jemand gewürdigt hat.

Jede und jeder trägt ein eigenes inneres Foto dieses Menschen in sich. Auf einem ist er der liebevolle Partner, auf einem anderen der oft abwesende Vater. Für ein Stiefkind war er vielleicht ein verlässlicher Begleiter. Diese Erinnerungen können sehr unterschiedlich sein und nebeneinander ihren Platz haben.

Auch die Gefühle beim Abschied sind verschieden. Traurigkeit, Liebe, Wut, Enttäuschung und Erleichterung können gleichzeitig da sein. Wer trauert, braucht Raum für diese ganze Geschichte. Und das Vertrauen, sie erzählen zu können.

Wenn mit einem Menschen ein Familiengefüge verloren geht

Mit dem Tod eines Elternteils kann sich das ganze Patchworkgefüge verändern. Wenn Kinder ihren Vater regelmäßig in seiner neuen Familie besucht haben, war er die Verbindung zwischen den verschiedenen Beziehungen.

Nach seinem Tod fehlt diese Brücke. Der Kontakt zur Stiefmutter, zu Stiefgeschwistern oder Halbgeschwistern wird vielleicht seltener. Manchmal gerät das Kind erneut in einen Loyalitätskonflikt: Darf ich diese Menschen weiterhin als meine Familie erleben? Wie geht es meiner Mutter damit, wenn ich Kontakt zur Familie meines verstorbenen Vaters halte?

So kann ein Kind mit seinem Vater nach und nach auch einen vertrauten Familienzusammenhang verlieren. Vielleicht verschwinden Menschen aus seinem Alltag, mit denen es viele Wochenenden, Ferien und Familienfeste verbracht hat. Auch der Platz, den es in dieser Familie hatte, wird unsicher.

Die Loyalitätskonflikte enden mit dem Tod nicht. Sie können sich gerade darin zeigen, wer zur Beerdigung kommt und wer fehlt.

Rituale geben der Trauer eine Form

Beerdigungen und Trauerrituale haben eine wichtige Schutzfunktion. Sie geben überwältigenden Gefühlen einen Rahmen. Es gibt einen festgelegten Ort, einen zeitlichen Ablauf und vertraute Handlungen.

In Patchworkfamilien passen die üblichen Formen nicht immer zu den tatsächlichen Beziehungen. Wer sitzt in der ersten Reihe? Wer wird in der Traueranzeige genannt? Wer hält eine Rede? Welche Lebensgeschichte wird erzählt?

Vielleicht braucht es deshalb neue und kreative Formen. Bei einer gemeinsamen Beerdigung könnten Menschen aus der früheren und aus der aktuellen Familie zu Wort kommen. Zusätzlich kann es getrennte Gedenkfeiern oder eigene Abschiedsrituale geben. Kinder und Stiefkinder können einen persönlichen Ort des Erinnerns gestalten.

Es gibt dafür kein allgemeines Richtig und Falsch. Eine hilfreiche Form gibt den konkreten Beziehungen Raum und schützt die Beteiligten vor einer Situation, in der während der Trauerfeier um Plätze und Berechtigungen gerungen werden muss.

Das Testament als Familienaufstellung

Auch ein Testament macht Beziehungen sichtbar. Wer wird bedacht? Wer bekommt das Haus, einen Geldbetrag oder einen persönlichen Gegenstand? Und wer bleibt unerwähnt?

Ein Testament kann wie eine Familienaufstellung wirken, die nach dem Tod sichtbar wird. Die Zuwendung hat dabei eine doppelte Bedeutung. Sie bezeichnet einen Teil des Vermögens und wird zugleich als Aussage über die Beziehung verstanden: So viel war ich Dir wert. So nah stand ich Dir.

Erbstreitigkeiten handeln deshalb häufig von mehr als Geld. Manchmal wird abgerechnet oder heimgezahlt, was zu Lebzeiten keinen anderen Ausdruck gefunden hat. Alte Kränkungen und Konkurrenzgefühle bekommen einen finanziellen Wert.

Gerade in Patchworkfamilien lässt sich eine vollständige Gerechtigkeit kaum herstellen. Was leibliche Kinder und Stiefkinder einmal erben, hängt auch vom Vermögen ihrer jeweiligen Eltern ab. Diese Ausgangsunterschiede kann ein Patchworkpaar nicht vollständig ausgleichen.

Umso wichtiger ist es, sich frühzeitig fachlich beraten zu lassen, ein Testament zu verfassen und die eigenen Entscheidungen möglichst zu Lebzeiten zu besprechen. Ein Gespräch nimmt nicht jede Enttäuschung. Es ermöglicht jedoch, über Erwartungen, Zugehörigkeit und unterschiedliche Vorstellungen zu sprechen, solange alle Beteiligten einander noch antworten können.

Trauer kann einen neuen Raum öffnen

Trauer bringt Schmerz, Wut und widersprüchliche Gefühle mit sich. Gleichzeitig besitzt sie ein großes Potenzial zur Verbindung.

Eine Exfrau und eine neue Liebste erinnern sich an unterschiedliche Zeiten mit demselben Menschen. Halbgeschwister kennen verschiedene Seiten ihres Vaters. Stiefkinder tragen gemeinsame Erlebnisse in sich, die sonst vielleicht niemand kennt.

Im liebevollen Gedenken können diese Geschichten nebeneinanderstehen. Manchmal begegnen sich Menschen im gemeinsamen Verlust neu. Manchmal entsteht sogar Versöhnung. Das lässt sich nicht verlangen und nicht planen. Der Trauerraum eröffnet jedoch die Möglichkeit dazu.

Vielleicht können diese Fragen dabei helfen:

  • Wessen Trauer braucht in unserer Familie einen Platz?
  • Welche Beziehung wird bisher übersehen?
  • Welche Form des Abschieds passt zu den Menschen, die tatsächlich betroffen sind?
  • Was sollten wir schon zu Lebzeiten miteinander besprechen?
  • Wie können unterschiedliche Erinnerungen nebeneinanderstehen?

Patchworkfamilien haben viel Erfahrung darin, Widersprüche auszuhalten und eigene Formen für ihr Zusammenleben zu finden. Diese Erfahrung kann auch beim Abschied helfen. Denn jeder Mensch hat seine eigene Beziehung zum Verstorbenen. Und jede Trauer braucht ihren Platz.


Mehr über Trauer, Loyalitäten und Abschied in Patchworkfamilien erzähle ich in der Folge „Sterben in der Patchworkfamilie“ im Podcast „Das letzte Kapitel“ von Kerstin Sturm.

Zur Podcastfolge (Das letzte Kapitel)

Häufige Fragen zu Tod und Trauer in der Patchworkfamilie

Wer darf in einer Patchworkfamilie trauern?

Jeder Mensch, der eine eigene Geschichte mit dem Verstorbenen hat, kann um diese Beziehung trauern. Dazu gehören auch frühere Partner*innen, Stiefkinder oder Menschen, die zuletzt wenig Kontakt hatten. Entscheidend ist die persönliche Verbindung. Unterschiedliche Erinnerungen und Gefühle können nebeneinander ihren Platz haben.

Was bedeutet nicht anerkannte Trauer?

Nicht anerkannte Trauer wird in der Trauerforschung auch als disenfranchised grief bezeichnet. Gemeint ist Trauer, die im persönlichen Umfeld oder gesellschaftlich wenig Anerkennung findet. Das kann etwa eine Expartnerin oder ein Stiefkind erleben, wenn die Bedeutung der eigenen Beziehung übersehen wird. Zum Verlust kommt dann der Schmerz fehlender Anerkennung.

Warum können nach einem Todesfall weitere Familienbeziehungen verloren gehen?

Ein Elternteil verbindet oft verschiedene Teile einer Patchworkfamilie miteinander. Nach seinem Tod müssen Kontakte zur Stiefmutter, zum Stiefvater oder zu Geschwistern vielleicht neu gestaltet werden. Für ein Kind kann es entlastend sein, wenn Erwachsene diese Beziehungen wahrnehmen und gemeinsam überlegen, wie vertraute Verbindungen weiter bestehen können.

Welche Abschiedsrituale können einer Patchworkfamilie helfen?

Hilfreich können Formen sein, die den tatsächlichen Beziehungen Raum geben: Beiträge aus unterschiedlichen Lebensphasen bei einer Trauerfeier, eine eigene Gedenkfeier oder ein persönlicher Ort des Erinnerns. Eine gemeinsame Form muss nicht für alle gleich passen. Unterschiedliche Abschiede können nebeneinander bestehen.

Warum berührt ein Testament oft mehr als finanzielle Fragen?

Menschen können eine Zuwendung auch als Aussage über ihre Beziehung zum Verstorbenen verstehen. Erwartungen, Zugehörigkeit und frühere Kränkungen können dadurch spürbar werden. Gespräche zu Lebzeiten ermöglichen es, diese persönlichen Bedeutungen anzusprechen. Für die konkrete Gestaltung eines Testaments ist fachliche Beratung wichtig.

Können Wut, Erleichterung und Traurigkeit gleichzeitig da sein?

Ja. Beziehungen haben unterschiedliche Seiten, und auch beim Abschied können widersprüchliche Gefühle gleichzeitig auftauchen. Menschen trauern um gemeinsame Erlebnisse, manchmal aber auch um eine Aussprache oder Versöhnung, die nun nicht mehr möglich ist. Zuhören und Raum für die ganze Beziehungsgeschichte können entlasten.

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Fachlicher Hintergrund: Kenneth J. Doka (1989), Disenfranchised grief: Recognizing hidden sorrow. Beitragsbild: KI-generierte illustrative Szene.